Dr. Jens Brandenburg (Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung) hob in seiner Eröffnungsrede hervor, dass sich der Fachkräftemangel immer mehr zuspitzt. Aus diesem Grund sei es besonders wichtig, überregulierte bürokratische Verfahren zu vereinfachen. Denn nach wie vor dauern die Anerkennungsprozesse sehr lange, auch wenn die Dauer je nach Bundesland variiert. Leonie Gebbers (Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales) erachtete diesbezüglich eine Vereinheitlichung der Anforderungen zwischen den Ländern sowie eine nutzerfreundlichere Gestaltung der Verfahren als unerlässlich (bspw. durch Digitalisierung des Antragsverfahrens). Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser vom Bundesinstitut für Berufsbildung wies in seiner Keynote daraufhin, welches Potenzial die Einführung des Anerkennungsgesetzes mit sich gebracht hat, allerdings weiterhin Optimierungen notwendig seien. Nichtsdestotrotz konnte das Anerkennungsgesetz in den letzten zehn Jahren erheblich dazu beitragen, dass Zugewanderte entsprechend ihrer erworbenen Qualifikationen beschäftigt werden konnten. Das Portal ist inzwischen auf insgesamt 12 Sprachen zugänglich. Insgesamt sei dennoch mehr Flexibilität erforderlich, d.h. dass auch Menschen, die keinen formalen Bildungsweg gegangen sind, die Möglichkeit erhalten sollten, ihre Qualifikationen und Kompetenzen analysieren zu lassen. Darüber hinaus sollten Teilqualifikationen anerkannt und der Berufseinstieg über Teilzeitarbeitsverhältnisse ermöglicht werden.

Podiumsdiskussion: “Anerkennung im Gespräch: Die Rolle der Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen für Integration, Fachkräftegewinnung und Qualitätssicherung.” | Foto: Antje Odermann

Frau Ayse Asar (Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst) betonte in der sich anschließenden Podiumsdiskussion, dass die Dauer der Visa-Antragsverfahren im Widerspruch zum Fachkräftemangel steht. Es müssen ziemlich viele Unterlagen eingereicht werden und es ist lange nicht klar, ob sich die Anstrengungen lohnen. Die langen Bearbeitungszeiten seien auch ein Ergebnis des Fachkräftemangels in den Verwaltungen, die mit der Prüfung der Unterlagen nicht hinterherkommen. Zudem ist es schwer, ohne deutsche Sprachkenntnisse in das System zu kommen, weshalb sie für eine bessere Unterstützung des Spracherwerbs im Ausland plädierte, vor allem auch, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.
Auch Christina Ramb (Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) verwies darauf, dass es wichtig sei, die „Schutzmaßnahmen“ bzgl. der Prüfung von Unterlagen und die Komplexität/Dauer der Prozesse nicht noch weiter auszubauen, dass letztendlich niemand mehr nach Deutschland kommen möchte. Insbesondere in vom Fachkräftemangel besonders betroffenen Branchen sind die Unternehmen inzwischen sehr engagiert und bereit Prozesse zu beschleunigen und sich zu öffnen. Umso wichtiger sei es auch, Menschen die bereits hier leben an das Land zu binden und Orientierung in dem nach wie vor großen „Anerkennungsdschungel“ zu geben. Diesbezüglich ist laut Dr. Brandenburg das Berufsqualifizierungsfeststellungsgesetz ein wichtiger Grundstein, der stärker genutzt werden muss.
Frau Asar sagte außerdem, dass es generell ein Umdenken hin zu lebenslangem Lernen braucht, da auch mit der Digitalisierung Veränderungen in den Arbeitsprozessen einhergehen. Dahingehend plädierte Prof. Esser für eine stärkere Modularisierung der Berufsfelder, um die Module für die individuellen Bedarfe nutzbar zu machen. Gleichzeitig empfahl er neben der Notwendigkeit von Berufsausbildungen auch die Entwicklung neuer Fort- und Weiterbildungsformate hin zum dualen Ansatz und schlug nonformale Weiterbildungen vor, die durch den direkten Einbezug von Unternehmen stärker dualisiert werden können. Grundsätzlich sollten die Systeme nicht nebeneinander gedacht, sondern die Möglichkeiten miteinander verklammert werden.
Frau Dr. Elizabeth Beloe wies darauf hin, dass auch bereits viele qualifizierte Fachkräfte oder an Arbeit und Ausbildung interessierte Menschen ins Land gekommen sind, die in den Gemeinschaftsunterkünften allerdings keine umfassenden und verständlichen Informationen über die Zugänge zum Arbeitsmarkt erhalten. Es braucht hier mehr gezielte Programme zur Aktivierung von Jugendlichen und Beratungen in Herkunftssprachen, um die Rechte und die Möglichkeiten, die der Arbeitsmarkt bietet, transparent zu machen.

Im Panel: „Stark für den Arbeitsmarkt: Reicht Berufsanerkennung für eine nachhaltige (Arbeitsmarkt-)Integration?“ unterstrich Frau Prof. Dr. Cornelia Schu vom Sachverständigenrat Migration, dass diesbezüglich noch ein langer Weg vor uns liegt: Zwar seien deutliche Zuwachsraten bei der Aufnahme von Beschäftigungsverhältnissen von Zuwanderern zu beobachten, allerdings arbeiten die Zugewanderten kaum in den erlernten hochqualifizierten Berufen, sondern eher schwer körperlich.
Die erste Zuwanderergeneration stellt die qualifikationsadäquate Erwerbsaufnahme (Spracherwerb und Anerkennungsprozesse) grundsätzlich meistens zugunsten der eigenen Familie (Kinderbetreuung) und zur schnellen eigenständigen Lebensunterhaltssicherung über Gelegenheitsjobs/Helfertätigkeiten zurück. Dadurch findet eine Dequalifizierung statt, wodurch ein qualifikationsadäquater Einstieg nach einer bestimmten Zeit nicht mehr möglich ist, da die Ausbildungen dann in der Regel zu lange her sind. Zudem beantragen viele Zuwander:innen die Anerkennung ihrer Abschlüsse aufgrund fehlender Informationen und hoher bürokratischer Hürden nicht.

Frau Prof. Dr. C. Schu zur Aufnahme von Beschäftigungsverhältnissen und Nutzung der Anerkennungsverfahren von Menschen Migrationshintergrund
Foto: Antje Odermann

Abschließend kann die Veranstaltung mit den Worten von Frau Nadezda Zubkova, einer anerkannten Fachkraft (Diplom-Ingenieurin), zusammengefasst werden: Für eine gelingende Integration ist eine einfühlsame Kommunikation mit allen involvierten Akteuren grundlegend und es braucht vor allem Geduld, denn „Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathon“.

Hier finden Sie die ausführliche Dokumentation des Organisationsbüros: Jubiläumskonferenz – 10 Jahre Anerkennungsgesetz